Anti-Buch-Tip: Der feine Unterschied

Und da ist es schon wieder passiert. Da hat sich schon wieder jemand berufen gefühlt ein Buch zu schreiben. Und schon wieder ist es ein Ratgeber für Deutsche in der Schweiz. Und schon wieder gibt es lauter gute Ratschläge nach dem Motto „Ratschläge sind auch Schläge.“

Wie häufig haben wir jetzt schon gelesen, dass eine „Stange“ ein Bier ist und dass man „poschte“ nicht auf der Post tut sondern im Coop, ach ja „schnurre“ tun Menschen miteinander und nicht unbedingt die Katze. Seht Ihr ? Auch ich habe ein paar Worte gelernt, aber wende die natürlich nicht an, weil ein Schweizer kann nicht vertragen, dass ein Deutscher Schwizerdütsch mit einem Hochdeutschen Akzent spricht.

Da dann der Lernprozess nur unter der Dusche oder mit einem Lehrer stattfinden kann, lässt man es am besten gleich ganz.

Ich schweife ab. Der Autor ist ein Deutscher, der es geschafft hat in ganzen 32 Jahren in 6 verschiedenen Kantonen zu leben. Ehrlich? Das ist ja „easy-peasy“. Und drei deutsche Bundesländer hat er auch schon hinter sich. Wir sind wirklich (nicht) beeindruckt. Naja, nach 32 Jahren in der Schweiz ist jeder hierlebende Deutsche und Schweizerischer als die Schweizer. Gerade deshalb ist Bruno Reihl dazu berufen (worden) ein Pamphlet zu dem „feinen Unterschied“ zu schreiben.

Wir haben schon von „Grüezi Gummihälse“ gelesen und von „Exgüsi“ haben wir auch schon etwas gehört. Dazu gibt es noch die „Gebrauchsanweisung für die Schweiz. Jetzt kommt mit dem „feinen Unterschied“ also schon mindestens das vierte Buch raus und ich sage Euch etwas … Ihr werdet, wenn Ihr irgendeins der anderen Bücher gelesen habt, nichts neues lernen.

Anhand von einem kleinen Abschnitt möchte ich Euch demonstrieren, dass dieses Buch von den völlig falschen Prämissen ausgehen:

Umgekehrt wissen die Schweizer sehr viel über Deutschland und können durchaus zwischen den verschiedenen Landsmannschaften unterscheiden. Praktisch überall in der Schweiz kann man die deutschen  Fernsehprogramme empfangen, umgekehrt ist das nicht der Fall. So sind die Bewohner Bayerns und Baden-Württembergs in der Schweiz besser gelitten als Landsleute aus den nördlichen und östlichen Bundesländern, ganz einfach weil sie auch einen Dialekt sprechen, den die Schweizer einigermassen verstehen. Auch fahren viele Schweizer übers Wochenende zum Einkaufen, zu einem Bundesliga-Spiel oder zu den Weihnachtsmärkten nach Stuttgart, Nürnberg oder München.

Also, der Reihl sagt, dass die Deutschen keine Ahnung von den Schweizern haben und die Schweizer quasi alles über die Deutschen wissen. Aber das ist ja toll!! Wenn das so wäre, dann wären die Schweizer den Deutschen gegenüber viel toleranter, als das wirklich der Fall ist. Vielleicht aber dazu auch ein paar Zahlen, um das ganze auch mal rational zu untermauern.

Im Jahr 2008 haben Schweizer insgesamt 3,7 Millionen mal in Deutschland (Quelle: DZT Datenblatt) übernachtet … Das beinhaltet natürlich nur offizielle Übernachtungen. Damit sind die Schweizer nach den US-Amerikanern und den Holländern die grössten Übernachter in Deutschland. Im Schnitt heisst das, dass jeder zweite Schweizer in Deutschland eine Nacht verbracht hat. Beeindruckend!!

Umgekehrt, haben Deutsche im Jahr 2007 in der Schweiz insgesamt 6,1 Millionen (Quelle: Bundesamt für Statistik) mal übernachtet. Vieles davon ist wahrscheinlich die Skitouristen, die Schweizer Kassen jedes Jahr klingeln lassen. Übrigens sind Deutsche dabei bei weitem die meisten Gäste in der Schweiz. Zum Vergleich, die Briten liegen mit 2,3 Millionen Übernachtungen auf Platz 2.

Kennt der Deutsche also wirklich die Schweiz(er) nicht? Warum kann er nicht Züridütsch vom Graubündner Dialekt unterscheiden? Weil’s echt schwer ist. Der Unterschied eines Bayern zu einem Berliner ist da viel deutlicher. Aber lasst mal einen Schweizer einen Allgäuer von einem Niederbayern unterscheiden. Das würde so ungefähr eine Gleichheit der geographischen Ausmasse berücksichtigen. Den Unterschied kennen auch hier wahrscheinlich die meisten Deutschen nicht.

Also, meiner Meinung nach ist der Markt an Überlebensführern für Deutsche in der Schweiz schon bei weitem gesättigt. Die Integration der Deutschen in die Schweiz ist ja schwerer als die Integration der Türken in Deutschland. Aber ist das wirklich so? Immerhin versteht ein Schweizer „Grützi. Ich kriege ein Bier!“, während ein Deutscher das Türkische Pendant dazu nie verstehen wird.

So stellt sich die Frage, ob man wirklich immer mehr Integrationsführer für Deutsche in der Schweiz schreiben sollte. Das sind ja schliesslich „nur“ 230 000. Die meisten freuen sich darüber, in der Schweiz sein zu dürfen und nehmen gerne jederzeit alles das auf, was man ihnen zugesteht.

Woran es allerdings mangelt ist eine Anleitung für den Teil der gut 4 500 000 Deutschschweizer (Quelle: Bundesamt für Statistik), wie man mit der Furcht und dem Hass umgeht, den sie gegen die Deutschen hegen. Die Deutschen will dieser Teil raus aus ihrem Land haben. Dass sie aber selber Deutschland gerne haben und ohne Deutschland und Deutsche wahrscheinlich in der Welt von heute gar nicht überleben könnten, das ist den Unbelehrbaren Deutschen-Hassern nicht bewusst.

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